Wie verhalte ich mich richtig?

Erlebst du gerade auch Anfeindungen fremder Personen untereinander? Begegnen auch dir Menschen, die versuchen einander vorzuschreiben, was „richtig“ sei? Das führt nicht nur zu einer aggressiven Grundstimmung, es ist auch selten konstruktiv – gerade wenn eigentlich niemand weiß, was „objektiv richtig“ ist.


Gerade in Zeiten der äußeren Unruhe sind wir gefordert, umso mehr auf uns selbst zu hören – aber wie geht das eigentlich, wenn Kopf und Herz verschiedene Sprachen sprechen?

Ich möchte metaphorisch das Bild eines Schiffes im Sturm einführen, das mir hilft, die verschiedenen Richtungsgeber einzusortieren. Vielleicht hilft es auch dir, um etwas spielerischer in diesen stürmischen Gewässern zu navigieren.


Wenn ich mich selbst mit einem Schiff auf dem offenem Meer vergleiche, dann befinde ich mich derzeit in einem heftigen Sturm und weiß nicht, wann ich wieder auf ruhige See hoffen kann. Umso wichtiger ist es also, Ruhe zu bewahren, einen adaptiven Plan zu schmieden, meine Position und meinen Kurs zu kennen – also mir selbst Sicherheit zu geben, wo es nur geht.

Wenn ich diese Sicherheit im Außen suche, ist schnell die Vertrauensfrage auf dem Tisch: Kann ich an der Insel dort vorn anlegen oder zerschelle ich an den Klippen? Gibt es dort angestrandet genug Versorgung oder ist es eine Kannibalenlandschaft, die sich über leicht gefundenes Fressen freut? Aktuell geht das in etwa so: Kann ich mich mit diesen Freund*innen oder Gruppen „zusammen tun“? Haben wir dieselbe Auffassung über die Gefährlichkeit und einen ähnlichen Umgang mit dem Virus oder zerstreiten wir uns über unsere Differenzen? Komme ich gar in politische Schwierigkeiten, wenn ich mich mit dieser oder jener Gruppe assoziiere?

 

Der Maat auf dem Ausguck des Bootes schwankt auf dem wellenreichen Gewässer nicht nur derart in alle Richtungen, dass er einen starken Magen und Nerven wie Drahtseile braucht, es wird auch schwierig, unter all den verschiedenen Eindrücken, die eigene Position zu halten – sofern ich diese kenne. Es kann hilfreich sein, einen Moment vom Ausguck herunter zu steigen, um sich die eigene Karte anzuschauen, d.h. die eigenen Werte und Einstellungen zu überprüfen: Bin ich meinen Werten noch treu oder lasse ich mich von äußeren Eindrücken und Einflüssen davon abbringen? Überprüfe das für dich, ohne zu werten. Auch die Orientierung am Umfeld hat eine wichtige Funktion, wie du im letzten Eintrag zu Beziehungen nachlesen kannst. An dieser Stelle nur so viel: Die Orientierung an unserem Umfeld ist insofern wichtig, als dass wir weder während der Krise noch danach komplett allein da stehen wollen – auch wenn wir nicht unbedingt dieselbe Meinung haben wie die Menschen in unserem Umfeld.


Persönlich habe ich mich daher für den Weg der Mitte entschieden. Ich lese nicht jeden News-Beitrag, da in der Medienlandschaft derart viele Hoch- und Tiefdruckgebiete aufeinander prallen, dass eine dicke Gewitterfront entsteht, in der ich wenig Aussichten auf ein sicheres Eiland habe. Da hilft erst einmal Schutz zu suchen, um zur Ruhe zu kommen. Konkret heißt das: Schauen, was gerade noch sicher ist und geht – wo so vieles im Wandel ist. In meinen vier Wänden bspw. grassieren erst einmal nur meine eigenen Viren. Da fühle ich mich sicher genug, um klare Gedanken fassen und meine eigenen Emotionen wahrnehmen zu können (über den gegensätzlichen Zustand erfährst du mehr im Beitrag Kopf und Körper im Krisenmodus). Aus dieser Kajüte heraus kann ich mir meine Lage auf der Karte und meinen Kompass in Ruhe betrachten:Was ist bei all den Turbulenzen noch immer so wie vorher?  (Die Sterne verändern auch bei Unwetter nicht ihre Position, auch wenn wir sie gerade vielleicht nicht sehen.) Was ist mir wichtig? Was brauche ich gerade? Und in Anbetracht der Unsicherheit, wie lang das noch dauert: Welche Ressourcen habe ich und wie kann ich weise damit haushalten? Übersetzt in diese Zeit kann ich schauen, welche meiner Eckpfeiler noch stehen, z.B. in den Lebensbereichen Beziehungen, Arbeit, Interessen, Werte, Ziele, u.v.m und schauen, was mir an Ünterstützung zur Verfügung steht oder wie ich mit meinen Kräften haushalten und erstere bekommen kann. Wenn ich feststelle, dass die Sonne nach wie vor morgens auf- und abends untergeht ist das vielleicht trivial, aber kann ein winziger Anker sein, wenn alles andere ins Wanken gerät. Wenn du solcherlei „Selbstverständlichkeiten“ als Maß für deine Sammlung nimmst, wird dir auffallen, dass gerade nicht wirklich alles anders ist als sonst. Vielleicht gelingt es dir sogar, deinen Fokus vom Verzicht auf die Dankbarkeit für das zu lenken, was funktioniert.


Die Antworten auf die oben gestellten Fragen sehen für jede Person zumindest ein bisschen anders aus. Das ist herausfordernd, weil eben genau das dazu führt, dass wir uns eben nicht alle konform verhalten. Es ist aber schon ein enorm wichtiger Schritt, sich seiner eigenen Bedürfnisse (Kompass), des Standpunkts (Seekarte) und der Privilegien (Schiffstyp, Besatzung & Proviant) bewusst zu sein. Mit diesem Proviant im Seemannsbeutel geht es dann etwas besser gewappnet wieder an Deck oder in die weite Welt hinaus. Fühle dich herzlich eingeladen zu beobachten, was sich in deinen zwischenmenschlichen Begegnungen verändert, wenn du so ausgestattet in Beziehung gehst. Vielleicht entwirrt sich dann der Seemannsknoten von ganz allein – ok, zugegebenermaßen geht dieser Vergleich ein Stück zu weit… da haben mich die Wellen wohl kurz davon getragen.


Um wieder konstruktiv zur Metapher zurück zu kehren: Während Person A derzeit gemütlich mit perfektem Service auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs ist, hat Person B eher allein einen Fischkutter zu navigieren und noch jemand anderes vielleicht gerade noch einen Rettungsring abbekommen. Dieses Verständnis kann enorm hilfreich sein, wenn es um die eingangs angesprochenen Verständigungsschwierigkeiten geht: Wir sind zwar alle auf dem gleichen Ozean mit demselben Sturm konfrontiert. Jede*r ist davon aber unterschiedlich stark betroffen. Während die einen nur die Sonne vermissen, kämpfen andere schlichtweg ums Überleben.

 

Wenn also das nächste Mal jemand im Supermarkt herum schnauzt, dass du den Abstand gefälligst einhalten solltest, atme tief durch und frag dich bevor du reagierst, ob du vielleicht lautstark von einer Person im Schlauchboot angehalten wirst, dein Lastenschiff bitte in einer Entfernung zu manövrieren, die allen beteiligten genug Lebensraum lässt.


In diesem Sinne: Möge jedem Menschen ein sicherer Hafen gewährt sein! Ahoi!


de_DEDeutsch