Das Potenzial in der Störung finden

Die wenigsten Menschen können von sich behaupten, ihr Leben bisher komplett ungestört und in tiefer Harmonie mit sich und der Welt verbracht zu haben. Ob es die verpasste Bahn, ein verstauchter Fuß vom Umknicken oder zyklusbedingte Schmerzen sind – wir alle kennen Störungen und die potenziellen Einschränkungen und (Ver-)Stimmungen, die damit einhergehen können. Der erste Impuls ist dann oft, diese Störungen „wegmachen“ zu wollen. Nicht umsonst finden Ratgeber zur Selbstoptimierung, Schmerzmittel und Präventionskurse reißenden Absatz. Dass es diese und andere Mittel und Wege gibt, um Störungen weniger spürbar zu machen oder gar zu vermeiden, ist genauso nützlich und hilfreich wie die schwierigen Emotionen, die dadurch ausgelöst werden – immerhin zeigen sie uns, dass etwas anders als geplant, im Ungleichgewicht oder beschädigt ist.

 

Die Prozessarbeit bietet verschiedene Methoden, sich mit Störungen auseinander zu setzen. Diese stellen keine Lösungsversprechen oder Ersatz bspw. für schulmedizinische Therapien dar. Sie können jedoch dazu beitragen, einen anderen Umgang mit den Signalen zu gewinnen, die wir aus unserem Umfeld oder von unserem eigenen Körper oder Geist wahrnehmen.

 

Bei der Prozessarbeit handelt es sich um einen phänomenologischen Ansatz. Das heißt, wir betrachten die Signale, die auftreten möglichst wertungsfrei und arbeiten von dort unter anderem mit Hilfe von Assoziationen weiter. Das kann dazu führen, dass der Prozess schnell zu einem anderen Thema oder „eine Etage tiefer“ gelangt und wir zwischenzeitlich gar nicht mehr wissen, was der Prozess mit dem ursprünglichen Thema zu tun hat. Das hat den Vorteil, dass wir aus dem Gedankenkreisel, der uns sonst im Alltag gut auf Trapp hält, aussteigen und uns der Weisheit unseres Körpers anvertrauen können. Mit einer guten Prozessbegleitung hast du den nötigen Anker, zum Schluss wieder sicher, mit neuen Erkenntnissen im Alltagsbewusstsein anzugelangen.

 

Ich beschreibe das der Anschaulichkeit halber etwas verknappt anhand eines persönlichen Beispiels. Am Ende des Beitrags findest du eine Anleitung, Störungen zu erkunden, wenn du Lust hast, es selbst auszuprobieren.

 

Eine Störung, mit der ich gearbeitet habe, war eines der Symptome einer Allergie, die ich medizinisch abgeklärt habe und nach Bedarf auch schulmedizinisch behandle. Das, was mich da störte, war das laute Niesen, das nicht nur unüberhörbar ist, sondern bei dem ich auch die Augen schließen muss, also nichts mehr sehe. Beides „passiert“ mir, ich kann es nicht unterdrücken.

Eine wichtige Intervention in der Prozessarbeit ist die Amplifikation, d.h. das, was da ist, wird verstärkt zum Ausdruck gebracht, um die Qualität darin eingehender zu erforschen. Ich versuchte also, einen noch größeren Ausdruck zu finden und wie automatisch machten meine Arme eine ausladende, kraftvolle Bewegung nach vorn. Ich beobachtete, dass ich viel Raum dabei einnahm. Ich wiederholte die Bewegung ein paar Mal und machte, wie beim Niesen, die Augen dabei zu. Meine Begleitung bei diesem Prozess fragte mich, was passiere, wenn ich die Augen dabei öffne. In meiner Brust löste das Sehen meines Umfelds ein wohliges Gefühl aus. Ich war berührt davon, denn parallel zur Körperarbeit lief in mir eine Verkettung von Gedanken mit: Die raumgreifende Gestik, die lautstark Aufmerksamkeit auf sich zieht, assoziierte ich mit meiner Außenwirkung. Früher war es unangenehm für mich, so viel Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich hätte lieber nicht gesehen, was ich damit womöglich bei meinem Gegenüber auslöse. Heute kann ich mich gut damit zeigen, dass ich groß und stark bin und den Raum fülle – z.B. mit meiner Arbeit, die ich so sehr liebe.

 

Ich kann natürlich kritisch darauf schauen und bewerten, das sei überinterpretiert oder hätte nichts mit der Allergie zu tun und das mag sogar stimmen, aber: Erstens zeigt mir das Gefühl der Berührung, dass etwas an meiner Interpretation und der damit verbundenen Erkenntnis für mich gerade in diesem Moment wichtig ist. Zweitens werde ich seitdem bei jedem lautstarken Niesen wieder an dieses positive Gefühl erinnert und nehme es dadurch als weit weniger störend wahr.

 

Die Allergie hat sich dadurch nicht in Luft aufgelöst, aber das Symptom hat für mich eine andere Konnotation bekommen. Dadurch fühle ich mich an Tagen heftiger Allergiesymptomatik weniger belastet und das kommt meinem Wohlbefinden insgesamt zugute.

 

Falls ich dein Interesse wecken konnte, kannst du selbst anhand der folgenden Anleitung schauen, ob du Potenzial an einer Störung entdecken und wie du es dir zunutze machen kannst. Für die Bearbeitung von langjährigen, wiederholt auftretenden oder sehr belastenden Störungen empfehle ich dir, diese in professioneller Begleitung zu ergründen.

 

Schritt 1:

Was „stört“ dich gerade? Was passiert mit dir, wenn die Störungen auftritt? Wo nimmst du das in deinem Körper wahr und wie?

 

Schritt 2:

Stell dir vor, es wäre eine Figur, die diese Störung produziert. Verkörpere für einen Moment diese Figur und „mach“ das Symptom. Drücke es in einer Bewegung oder Geräuschen aus. Welche Energie hat das?

 

Schritt 3:

Wo in deinem Leben könntest du diese Energie mehr gebrauchen? Was wäre dir damit möglich?

 

Frohes Forschen!

 

PS: Falls du merkst, dass der Prozess dich an herausfordernde Gefühle heranführt oder mehr auslöst, als du vermutet hattest, empfehle ich dir, dich bei dem Thema professionell begleiten zu lassen.

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